Künstlerin

Ausstellungen (Auswahl)
2024 Grafiken | Ankola || Freital
Die erste Nachtstunde | Erlenwerk || Dresden
Eröffnungsausstellung | Erlenwerk || Dresden
Interim | Erlenwerk || Dresden
2023 UMWEGE2 | werkstatt 26 || Königstein
2022 Lithografiesymposium || Tidaholm SE
Ausstellung Druckgrafik || Seon CH
2021 Meisterschülerausstellung | Motorenhalle || Dresden
2020 Störenfriede | 100 Sächsische Grafiken || Chemnitz
flüstern | Ausstellungskirche Mülheim || Köln
wirsindunsichtbar | hole of fame || Dresden
2019 kehrseide | uniwerk || Pirna
TEMPO | G2: Gothic Twin – House of Art || Litomerice CZE
Ausstellung zum Hamburger Bilderbuchpreis
|| Fabrik der Künste | Hamburg
Mein Sehen bleibt physisch folgenlos 2k17
|| Altana Galerie | Dresden
2018 Diplomausstellung || Dresden
Kunst im Schaufenster || Altonale Festival | Hamburg 2017
gehäuse1 || Veränderbar | Dresden
REDE ZUR VERNISSAGE DER AUSSTELLUNG:
„UMWEGE//2: KÄTHE WEINMANN“
GALERIE DER WERKSTATT 26, KÖNIGSTEIN (SACHSEN) 21.05.2023
CHRISTIN PIETZKO | KUNSTHISTORIKERIN
Die meisten Dinge des Lebens können wir klar benennen.
Alles hat seinen ausgewählten Namen und zu jedem Namen tragen wir ein Abbild in unserem Geiste: Eine Vorstellung, eine Regel-Form. Die meisten Dinge des Alltags können wir durch dieses klare Benennen abstrahieren und damit aus der überwältigenden Größe der Phänomene des Lebens herausheben. Wir verallgemeinern, verkleinern, verstehen. Wir sind es daher gewohnt, in gewisser Art und Weise, über den Dingen zu stehen. „Das ist ein Baum“ sagen wir, „ein Gesicht, das ist grün, das ist Licht, das ist Atomphysik“ und so weiter.
Wie ungewohnt ist es da für uns vor Käthe Weinmanns abstrakten Bildwerken zu stehen und nicht direkt Begriffe zur Hand zu haben für das, was wir sehen! Mit unserem typisch rationalen Blick auf die Welt kommen wir hier nicht weiter. Unser logisches Erkennen reicht nicht, um den Bildsinn zu erschließen. Vielmehr fordern und schenken uns ihre Werke einen Modus der Bildbetrachtung, der einem ganz eigenen und individuellen -zeitweise sogar intimen - Beobachten gleicht. Sie laden uns so ein, in unser eigenes Empfinden zu gehen, in unser individuelles Wahrnehmen. Wenn Ich Käthe Weinmanns Werke betrachte, sehe ich pulsierende Formen, freie Farben, spannende Konstellationen. Farbfelder, Linien, Striche, Flächen. Ich sehe ganz Kleines und unfassbar Großes, Atmosphärisches, Helles, Dunkles,
Stürmisches, Glänzendes. Immer wieder fühle ich mich an etwas erinnert und doch bleiben ihre Werke frei genug, um mich nicht ins konkrete Interpretieren zu bringen. Ich bleibe viel mehr im: Sehen, Fühlen, Sein.
Den Eindruck, den Käthe Weinmanns Arbeiten auf mich machen, möchte ich am ehesten mit einer visuellen Wildnis beschreiben. Eine Art von Wildnis, die einem unverstellteren Urzustand gleicht oder geheimen Essenz der Dinge - jedenfalls einer reineren Wahrnehmung der Welt. Käthe Weinmanns Arbeiten möchte ich in diesem Sinne begreifen, als bildgewordene Beobachtungen eines natürlichen Zustandes, einer urwüchsigen Kraft.
Manche Werke, vor allem die kleineren, scheinen Untersuchungen zu gleichen.
Die großen Malereien wiederum, mit ihrer entfesselten Farbe, wirken viel mehr als Ganzes in ihrer Atmosphäre und Farbwirkung auf uns. Sie gleichen Abbildern einer unbekannten Welt, die uns mit dem Reiz des Ungewissen, des Verborgenen lockt, aber die auch gerade kontrolliert und gezähmt genug ist, um sie visuell betreten zu können. Das kommt nicht von ungefähr. Darin offenbart sich ein großes künstlerisches Können, um in diesem Prozess von Suchen und Finden die Oberhand zu behalten. Ich meine: den Grad an Kontrolle der dazu gehört, ein derart freies Bild zu erschaffen.
Käthe Weinmann beschreibt den Beginn ihrer Werkfindung oft als spielerischen Prozess. Es ist eine aktive Tat, die Farben auf die Leinwand zu bringen. Der Zufall spielt mit, aber vor allem die Erfahrung der Künstlerin. Diesem Beginnen folgt eine Zweite Phase, nämlich das Suchen und Aufdecken im Bild. Das Herauskitzeln, könnte man sagen. Das Zusammenbringen von Kontrasten und Formen, um Spannung zu erzeugen, Tiefe und damit eine visuelle Erzählung.
Darauf folgt die dritte Phase, die Vollendung oder vielmehr: das Ringen um das fertige Bild. Dieses Ringen ist geprägt von Aufdecken, Abdecken, Übermalen, wieder Herunterkratzen, Bezeichnen und Umwidmen. Diese Arbeit am Bild gleicht einer Suche, die an manchen Punkten einer künstlerischen Manie ähnelt. Dem Versuch bildlich fest machen zu wollen, was in seiner Essenz flüchtig ist und ephemer.
Oft fühle ich mich bei Käthe Weinmanns Werken an Naturbeobachtungen erinnert.
An Blätterrauschen, Lichtschimmer, Wasserspiele, manchmal an Zellstrukturen.
Ich denke auch an das Wunder der Verschmelzung, an all die Prozesse auf molekularer Ebene, von denen wir nur bis zu einem gewissen Grad Kenntnis haben können. Oft sehe ich zudem ihre Bildfindungen von einer schöpferischen Kraft durchdrungen, von einer unberechenbaren Energie belebt und einer Ordnung folgend, die chaotisch und regelmäßig zugleich ist. Käthe Weinmanns bildnerische Suche scheint mir in dieser Art und Weise besonders aufrichtig, da sie aus dem tiefen Inneren der Künstlerin zu kommen scheint und auch das fügt den Werken eine Qualität und Tiefe hinzu, von der sie auch losgelöst von der Künstlerin durchdrungen sind. Die Bilder werden so zum Sinnbild für unser aller individuelles Suchen. Für die großen Fragen an uns selbst: Woran glaube ich? Wer bin ich? Was ist wahr?
Gleichzeitig gelingt es Käthe Weinmann Werke zu erschaffen, die mir in diesem Prozess keine Deutungen vorgeben wollen. Sie selbst ist in ihren Bildern unsichtbar. Ich sehe selbstverständlich ihren Arbeitsprozess, ihre Pinselstriche und Zeichnungen, aber ich sehe nicht ihre Interpretation der Welt. Ich sehe nicht, dass sie Blätterrauschen darstellen wollte, meine ich. Sondern ich sehe vielmehr ihre Bildfindungen, nämlich visuelle Elemente und deren Zusammenspiel, die mich an Naturphänomene erinnern. Käthe Weinmanns besonders Können liegt daher meiner Meinung nach darin, in dem Prozess, des Ein-Bild-von-der-Welt-Schaffens quasi einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Nicht in die Definition, sondern eher in eine Art Negativ-Interpretation, in die Auflösung, könnte man sagen, und am Ende doch ein kohärentes und wahres Bild in den Händen zu halten, dem nichts fehlt und dem nichts zu nehmen wäre. Dies gelingt Ihr indem sie Spannungen und Harmonien aufeinanderprallen lässt und so ausbalanciert, dass die Bilder uns reizen aber nicht überfordern, uns anregen und intuitiv ansprechen, uns ins Fabulieren geraten lassen, ins Träumen, ohne uns zu begrenzen.
So verändern ihre künstlerischen Arbeiten für den Moment der Bildbetrachtung unseren Modus Operandi, unsere Art und Weise auf die Welt zu reagieren. Denn das Sehen, welches Käthe Weinmanns Werke in uns auslösen, ist kein rationales Sehen, dessen Beobachtungen sich direkt einordnen und erzählen ließen. Vielmehr ist es ein freies und intuitives Sehen, ein Fantasievolles, ein Kreatives – aber nicht weniger Wahres. Mir scheint, in der abstrakten Ausdrucksform der Werke liegt eine reinere Wahrheit, die deutlicher nicht dargestellt werden könnte, nicht gefasst werden könnte, weil sie dann wieder Vereinfachung wäre. Denn wie einfach wäre es, vor diesen Bildern zu stehen zu sagen: Baum, Wasser, Pflanze, Gesicht. Aber wie ungewohnt ist es, vor diesen Kunstwerken zu stehen und keine Begriffe zu haben.
Oder: Sich eigene Begriffe suchen zu dürfen.
Plötzlich schöpfe ich selbst in mir und in Käthe Weinmanns Bildern.
Durch das äußere Sehen blicke ich nach innen und staune, wie ein Kind.
FotoCredits: Judith Ziegenthaler